Online Achtsamkeitskurs

Seit Corona in unseren Alltag eingezogen ist, erreichen mich vermehrt Anfragen, ob ich auch einen online Achtsamkeitskurs anbiete. Gleichzeitig lässt sich beobachten, dass entsprechende Angebote sich mittlerweile stark etabliert haben.
Selbst Achtsamkeitslehrende, die vor der Corona-Zeit solchen Angeboten überaus kritisch gegenüber standen, sind mittlerweile auf den Zug aufgesprungen und bieten achtwöchige Online Kurse an. Teilweise findet man darunter auch sehr dubiose Angebote.
McMindfulness

Vor einiger Zeit stolperte ich über einen „Worldwide MBSR online Kurs“ der auf 50 Teilnehmende ausgelegt war. Ein anderes Angebot besteht einfach nur darin, dass Videosequenzen sowie ein Begleitheft angeboten werden und die Teilnehmenden mit sich und ihren Erfahrungen alleine bleiben. Das Ganze nennt sich dann MBSR Selbststudium. Wer hiervon profitiert sei dahingestellt.

Sogar manche Krankenkassen halten es für eine gute Idee, Ihre Versicherten noch mehr an digitale Medien zu binden. Meine Erfahrung nach, benötigen viele Kursteilnehmende eher mehr Abstand von diesen Medien, um mit sich selbst in Kontakt kommen zu können.
In Fachkreisen spricht man bereits von McMindfulness. Im Sinne des „Erfinders“ sind solche Auswüchse sicher nicht.
onlinekurs
Ist Achtsamkeit über einen online Achtsamkeitskurs erlernbar?

Irgendetwas wird man sicherlich lernen, ich frage mich allerdings, ob die Essenz des Miteinanders, die Verbundenheit mit der Gruppe und die Wahrnehmung des ganzen Menschen ebenfalls über die Glasfaserleitung übertragen wird.

Wenn du die Wahl hättest einem Konzert, einem Theaterstück oder einem anderen Event in Präsenz beizuwohnen oder es alternativ über Zoom oder Teams zu verfolgen, wofür würdest du dich entscheiden? Was führt dich zu dieser Entscheidung?

Eine von mir geschätzte Kollegin, die selbst ein Ausbildungsinstitut für Achtsamkeitslehrende leitet, schrieb zum Thema online Achtsamkeitskurs folgendes:

„In einer Facebook-Gruppe wurde die Frage gestellt, ob Achtsamkeit auch über einen online Achtsamkeitskurs lernbar sei. Ich habe da Zweifel und habe sie in meiner Antwort begründet.“

Die Menschen werden vergessen, was du gesagt hast.

Die Menschen werden vergessen, was du getan hast.

Aber die Menschen werden nie vergessen, was sie bei dir gefühlt haben.

Dieses Zitat von Maya Angelo finde ich sehr treffend, vor allem in Bezug auf das Lehren von Achtsamkeit. Wenn ich an meine eigenen Lehrer:innen denke, dann erinnere ich mich tatsächlich kaum noch an ihre Worte. Was jedoch noch sehr präsent in mir ist, sind die Momente der Verbundenheit, die mir die Schönheit und Kraft einer achtsamen Haltung offenbart haben, Situationen im Unterricht oder auch bei den gemeinsamen Gesprächen, Mahlzeiten, Spaziergängen. All das lebt in mir weiter und hat mich geprägt und entwickelt. Ob das genau so wäre, wenn ich all dies nicht in der ganzheitlichen Präsenz dieser Menschen erlebt hätte? Ich wage es zu bezweifeln.

Steven Porges und die Polyvagal-Theorie

Noch überzeugter von meiner These bin ich, seit ich mich mit der Polyvagal-Theorie von Dr. Steven Porges, einem US-amerikanischen Psychiater und Neurowissenschaftler, beschäftige. Die Polyvagal-Theorie revolutionierte das bisherige Verständnis darüber, welche zwischenmenschlichen Bedingungen wir brauchen,

  • um als soziale Wesen miteinander in Kontakt treten zu können
  • was es ist, dass uns immer wieder regenerieren und entspannen lässt
  • was die Grundlage dafür bildet, dass wir uns psychisch und physisch gesund entwickeln können
  • um uns selbst in Sicherheit zu erleben
  • damit wir aus Handlungsalternativen wählen können und dadurch Selbstwirksamkeit erfahren
Neurozeption

Ein Aspekt der Polyvagal-Theorie nennt sich Neurozeption. Unter Neurozeption versteht man die Fähigkeit unseres autonomen Nervensystems (ANS), die Umgebung ständig darauf zu überprüfen, ob sie sicher, bedrohlich oder gar lebensgefährlich ist. Dies funktioniert gänzlich automatisiert und auch ohne dass wir dies bewusst wahrnehmen. Hierzu verarbeitet unser ANS Signale aus unserer Umgebung, die von unseren Sinnesorganen empfangen werden sowie Signale aus den inneren Organen. Die Einschätzung, die das ANS hierzu trifft, löst anschließend einen von drei grundsätzlichen, physiologischen Zuständen aus:

verbindung
Parasympathikus

Verbundenheit

Bewertet das ANS die Umgebung als sicher, wird das Social-Engagement-System (SES) aktiviert, das u.a. soziale Interaktion ermöglicht. Hierbei wird der ventrale Vagusnerv des Parasympathikus aktiviert.

Parasympathikus
Sympathikus

Kampf oder Flucht

Wird die Umgebung als bedrohlich eingeschätzt, aktiviert das ANS den Kampf- oder Fluchtmodus. Hierbei ist der Sympathikus aktiv.

parasympathikus
Parasympathikus

Erstarrung

Erscheint eine Situation als lebensbedrohlich, so dass Kampf oder Flucht als Optionen ausscheiden, aktiviert das ANS den dorsalen Vagusnerv (Parasympathikus), es kommt zur Erstarrung (Totstellreflex).

Merkmale:
  • Sicherheit
  • Geborgenheit
  • Entspannung
  • Regeneration
  • Verbundenheit
  • soziale Interaktion
  • Selbstwirksamkeit
  • „Erwachsen sein“
  • Neugierde
  • Spiel
  • Kreativität
  • Flowgefühl
Merkmale:
  • Fokussierung von Gefahr
  • gesteigerte Sinneswahrnehmung
  • Erregung
  • Unruhe
  • Bewegungsdrang
  • Erhöhung von Blutdruck, Puls, Atmung
  • gesteigerte Agressivität
  • Adrenalinspiegel hoch
  • Körperspannung hoch
Merkmale:
  • Antriebsstörung
  • Hilflosigkeit
  • Hoffnungslosigkeit
  • Gedankenspiralen
  • Erstarrung
  • Dissoziation

Sofern unser Social-Engagement-System voll entwickelt ist, erfüllt es zwei wichtige Funktionen. Zum einen reguliert es weitestgehend den körperlichen Zustand, so dass es Entwicklung und Heilung fördert. Hierzu reguliert der ventrale Vagusnerv Stressreaktionen herunter, dies geschieht durch die Reduzierung der Ausschüttung von Stresshormonen oder auch durch die Beeinflussung des Immunsystems.

Zum anderen nutzt es die bei Säugetieren vorhandene Gesicht-Herz-Verbindung zur Übermittlung von Informationen über den körperlichen Zustand. Hierzu verwendet es u.a. die Mimik, die Stimme (Prosodie und Psychoakustik) sowie die Steuerung der Mittelohrmuskulatur, was es uns ermöglicht, auf die Frequenz der menschlichen Stimme zu fokussieren. In Stresssituationen hören wir diese oft nicht, da das Hören von Gefahren Priorität hat und dadurch nur bestimmte Frequenzen (z.B. von Raubtieren) wahrgenommen werden.

Das Gefühl von Sicherheit ist ausschlaggebend

Wir können nur in soziale Interaktion treten, wenn wir uns sicher fühlen. Ausschlaggebend dafür ist, ob unser autonomes Nervensystem sich sicher fühlt. Die dann vorherrschende soziale Interaktion sorgt zusätzlich für ein Gefühl von Sicherheit.

Steven Porges weist in der Polyvagal-Theorie zwei Pfade aus, die unserem Nervensystem Sicherheit vermitteln:

Passive Pfade

Die passiven Pfade aktivieren das System für soziale Verbundenheit in dem es Signale aus der Umwelt wahrnimmt, welche Sicherheit vermitteln.

Das kann eine ruhige Umgebung sein, positive Interaktionen mit anderen Menschen, das Empfangen von Mitgefühl oder auch Töne im Frequenzbereich der vokalen Klänge, die für Sicherheit stehen.

Aktive Pfade

Aktiven Pfade stimulieren das Social-Engagement-System über Sprechen, kontrolliertes Atmen („dreimal tief durchatmen“) oder auch bestimmte Körperhaltungen. Die aktiven Pfade benötigen jedoch ein gewisses Maß an „Grundsicherheit“ durch die passiven Pfade, um überhaupt aktiv werden zu können.

Wir sind also existentiell auf soziale Interaktion (Verbundenheit) angewiesen um überhaupt selbst ein Gefühl von Sicherheit in uns erzeugen zu können. Auch die Erinnerung an Verbundenheit kann die Aktivierung unterstützen.

Unser autonomes Nervensystem besitzt die Möglichkeit zur Co-Regulation, d.h. nimmt unser ANS Signale der Sicherheit über eine andere Person wahr, gelangt auch das „unsichere“ ANS mehr und mehr in einen ventral-vagalen Zustand. Es kommt dadurch mehr und mehr zu Resonanz zwischen den beiden Nervensystemen.

In diesem lebendigen Kontakt der Verbundenheit, stellt sich etwas ein, das durch Worte nur schwer zu transportieren ist. Man könnten es „Mit dem einen Herzen an das andere Herz weitergeben“ oder „Lehren ohne Worte, Wirken ohne Tun“ nennen. Es muss jede Person selbst entscheiden, ob so etwas über Zoom oder MS Teams möglich ist.

Die Haltungen der Achtsamkeit, wie zum Beispiel Anfängergeist, Nicht-Werten, Nicht-Streben, Geduld, Selbstmitgefühl, lernt man am besten durch das lebendige Vorbild eines erfahrenen Lehrers oder einer erfahrenen Lehrerin.

An dieser Stelle würde ich gerne die Frage aufwerfen, was die Absicht hinter einem online-basierten Angebot ist. Sofern die kognitive Vermittlung von Wissen und Übungen das Ziel ist, dann ist ein online Achtsamkeitskurs sicherlich eine praktikable Lösung.

Menschliche Wärme

Geht es jedoch darum geht, Achtsamkeit als das zu erfahren, was sie ihrer Herkunft nach ist, ein Praxis Weg zur Einsicht, der geprägt ist von Verbundenheit und menschlicher Wärme, dann halte ich Online-Lösungen, wenn überhaupt, nur für sehr begrenzt geeignet.

Wenn du also die Chance hast, einen Achtsamkeitskurs in Präsenz zu erfahren, dann solltest du dies meiner Meinung nach einer Onlinevariante unbedingt vorziehen.

Am Ende muss man vielleicht beides erfahren haben, um zu verstehen, von was ich hier schreibe.

Alexander Berger

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